Zurück in Dortmund

Neun Jahre ist es her, dass ein damals 28-jähriger Mann einen Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund verübte. Der Täter hatte am Vormittag des Anschlagstags Verkaufsoptionsscheine auf die Aktie von Borussia Dortmund gekauft. Er habe durch den Anschlag einen Kurssturz der BVB-Aktie erzwingen und mit den Verkaufsoptionen, deren Wert bei sinkenden Aktienkursen überproportional ansteigt, einen Gewinn erzielen wollen. Sein Motiv also Habgier. Besonders perfide: Der Mann soll die Derivate aus dem Mannschaftshotel des BVB heraus gekauft und dort in der vorherigen Nacht sogar selbst genächtigt haben. Der Deutsch-Russe hatte für nach der Tat einen Flug nach St. Petersburg und dort auch eine Unterkunft gebucht. Eine Spezialeinheit aber konnte ihn an der Flucht hindern. Er wurde später zu 14 Jahren Haft verurteilt.

Insgesamt drei Sprengsätze platzierte der Täter, dessen Name hier bewusst nicht genannt wird, weil er keine Aufmerksamkeit verdient, rund um den Mannschaftsbus des BVB, bevor die Mannschaft von Borussia Dortmund mit eben diesem Bus aus dem Mannschaftshotel zum Westfalenstadion fahren sollte, wo sie am Abend in der Champions League gegen die AS Monaco antreten würde. Die Sprengsätze, die er mit Metallstiften besetzte, zündeten. Einer der Metallstifte bohrte sich daraufhin in die Kopfstütze eines Bussitzes, weitere in eine Hauswand auf der anderen Straßenseite. Die Sprengsätze erzielten eine Sprengwirkung von über 100 Metern. Zu Tode kam niemand. Jedoch sahen sich die BVB-Profis an diesem Abend außer Stande zu spielen, sie waren geschockt und auch der Bus wurde nahezu komplett zerstört. Das Spiel wurde auf den nächsten Abend verlegt. Nur dadurch, dass der mittlere und damit gefährlichste der drei Sprengsätze etwas zu hoch angebracht war und deshalb über den Bus hinweg detonierte, sind schlimmere Folgen ausgeblieben.

Körperlich aber blieben fast alle BVB-Spieler unverletzt. Nur Marc Bartra zog sich einen Speichenbruch sowie Fremdkörper-Einsprengungen im Arm zu, als er von umherfliegenden Scheibensplittern getroffen wurde. Er wurde über mehrere Tage im Krankenhaus behandelt. „Im Bus war eine superfriedliche Stimmung. So ruhig war es, glaube ich, noch nie. Dann gab es auf einmal einen lauten Knall“, erinnerte sich Barta später an den Anschlag. Und weiter: „Von der Seite spürte ich eine warme Druckwelle, dann große Schmerzen am Arm. In meinen Ohren piepte es. Ich hörte eigentlich nur noch das Piepen und das dumpfe Geschrei von Roman Bürki, Nuri Sahin und Marcel Schmelzer. Sie riefen: ‚Marc, auf den Boden, leg dich hin.‘ Ich war erst mal wie paralysiert. Von meinem Arm tropfte Blut. Ich schaffte es, mich auf den Boden zu legen. Eine unglaubliche Hitze breitete sich in meinem Körper aus. Ich musste heulen und war kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Dann war auch schon Physiotherapeutin Swantje da. Sie gab mir immer wieder Ohrfeigen und schrie dauernd, dass ich nicht einschlafen solle. Dazu spritzte sie mir Wasser ins Gesicht.“ Am schlimmsten sei dann vor allem die Unsicherheit gewesen, ob man nun wieder in Sicherheit sei oder nicht. Erst diesen Monat verriet der Verteidiger in einem Interview, dass er eigentlich immer auf einem anderem Platz im Bus gesessen habe, nur durch Zufall saß er an diesem Abend an der verhängnisvollsten Stelle.

Nach der Explosion und der Erstversorgung durch Rettungskräfte rief der Spanier als Erstes seine Freundin Melissa an: „Das war sehr emotional.“ Besonders berührten ihn auch die unzähligen Briefe und Zuschriften von Fußballern, Trainern, Sportdirektoren und vielen anderen, die er gar nicht kannte. „Das hat mir sehr viel Kraft gegeben“, sagte Bartra. Dennoch wechselte er einige Monate später, bereits in der Winterpause, zurück nach Spanien, in seine Heimat, raus aus dem Umfeld des Anschlags. Er kam jedoch noch einmal zurück, um sich im ausverkauften Westfalenstadion emotional von den BVB zu verabschieden. Und er verfolgte den Verein immer weiter: Häufig postete er insbesondere auf Twitter Grüße an die BVB-Fans, oft markiert mit schwarz-gelben Herzen.

Und nächste Woche Dienstag wird Marc Bartra wieder im Westfalenstadion auflaufen. Dann allerdings für Real Betis Sevilla, das in der Champions League auf Borussia Dortmund treffen wird. Am Abend der Auslosung ließ Bartra die BVB-Fans wissen, dass er sich auf das Wiedersehen freue. Und die freuen sich Marc Bartra. Es wird ohne Frage das emotionalste Wiedersehen des Fußball-Jahres – wenn auch mit einem traurigen Hintergrund. Doch wie sehr sich beide Seiten aufeinander freuen, zeigt auch, wie eng das Band ist, das der Fußball um Menschen schnürt. Und auch auf den Abend des Anschlags blickt Bartra heute extrem reflektiert zurück: „Ich habe ein anderes Verständnis für Zeit bekommen. Was in zwei, drei Tagen ist, ist unglaublich weit weg. Ich habe am eigenen Körper erfahren müssen, wie schnell sich das Leben verändern kann, gar vorbei sein kann. Deshalb genieße ich die Zeit intensiver.“ Dass er das Wiedersehen einfach genießen kann – das wünschen Marc Bartra vermutlich alle Fußballfans auf dieser Welt.

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Von admin